Pragmatismus ist eine schlechte Ideologie

Anfang des Jahres veröffentlichte das Hamburger Abendblatt einen längeren Bericht über die „Generation Golf“, die in den letzten Jahren verstärkt zentrale Machtpositionen im Hamburger politischen Apparat eingenommen hat. Darin wurden beispielsweise Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD), CDU-Fraktionschef in der Bürgerschaft André Trepoll oder der SPD-Fraktionschef in der Bürgerschaft (und mögliche Scholz-Nachfolger als Erster Bürgermeister und) Andreas Dressel als in erster Linie „pragmatisch“ und „unideologisch“ charakterisiert.

Egal ob links oder rechts – Hauptsache pragmatisch

Die Genannten äußerten sich im Bericht auch entsprechend – Dogmen und Ideologien seien ihnen suspekt, es gehe ihnen vielmehr darum, Machbares zu erkennen und effizient umzusetzen.

Auch auf Bundesebene scheint es einen ähnlichen Trend im politischen Alltag zu geben – mehr und mehr Entscheidungen werden quasi einstimmig vom Bundestag durchgewunken. Lösungsorientiertes Denken, zahlenbasierte Entscheidungen, effizienzgetriebene Optimierungen – das McKinsey-Vokabular hat auch in Exekutive und Legislative Einzug gehalten.

Einerseits ist dies natürlich zu begrüßen. Wir können sehr froh darüber sein, dass wir in Hamburg und Deutschland viele moderne und konstruktive Politiker haben, die sich häufig über das „Was“ einig sind und nur über das „Wie“ streiten.

Abstraktes Denkvermögen ist das Erfolgsrezept menschlichen Fortschritts

Andererseits braucht es in einer demokratischen Gesellschaft auch, vielleicht sogar gerade, das „Warum“. In seinem Bestseller „Sapiens“ (sehr lesenswert!) beschreibt Yuval Noah Harari einen – wenn nicht den – Hauptgrund für den evolutionär eimaligen Siegeszug unserer Spezies auf unserem Planeten: Die Fähigkeit abstrakt zu denken und sich dank abstrakter Ideen und Konzepte (Staat, Geld, Recht, etc.) auch in großen Gruppen organisieren zu können.

In der Geschichte drückte sich dies vor allem durch übergeordnete Ideologien aus – beispielsweise durch Religionen, die den gesamten Alltag und das menschliche Zusammenleben regelten. Im Zeitalter der Aufklärung ist es vor allem der Humanismus, der uns aller biologischen Limitationen zu Trotz als Spezies zu Göttern unserer selbst und unserer Umwelt erhebt.

Reiner Pragmatismus ist dagegen keine Ideologie, kein abstraktes Konzept, um das sich Menschen versammeln und organisieren. Er ist nichts, was Menschen abholt, mitnimmt oder überzeugt. Er ist stattdessen ein Arbeitsmodus, aber kein Wert an sich. Pragmatismus beschäftigt sich mit dem „Wie“ und (vielleicht noch) mit dem „Was“ – es gibt aber kein „Warum“, außer vielleicht „Tun ist besser als nicht tun“.

Ein bisschen Ideologie darf es schon sein

Gerade in der Tech-Szene, aber auch in den großen deutschen Konzernen ist mittlerweile immer mehr von „Unternehmenskultur“ und „Mission Statements“ die Rede. Auch das sind verkappte Formen von Ideologien, die dazu dienen Kunden und Mitarbeitern dieser Unternehmen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu etwas Größerem zu geben. Sie schaffen Identifikation und Inspiration – das „Warum“.

Auf politische und gesellschaftliche Ebene übertragen könnten die christlich-sozialen (Nächstenliebe, Menschenwürde) und liberalen (Freiheit, echte Chancengleichheit) Werte sowie die Menschenrechte diese Funktion einnehmen und sollten wieder deutlich mehr als unbestrittene ideologische Wegweiser von konkreter Politik dienen.

Ohne diese ideologischen Eckpfeiler schwindet die gesellschaftliche Bindekraft – gerade in Zeiten des zunehmenden Individualismus‘. Effektive Politik und Spitzenpolitiker mit Führungsanspruch brauchen deshalb immer eine gute Balance aus richtungsweisender Ideologie und lösungsorientiertem Pragmatismus.

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