Politik Bildet Meinung – Nicht Umgekehrt

Seit Jahren gibt es einen unübersehbaren Trend in Wirtschaft wie Politik: Entscheidungen werden mittlerweile nur noch „zahlenbasiert“ getroffen, alles muss „messbar“ sein. Führung basiert seither auf quantitativen Analysen und ist effizienzgetrieben.

In der Politik äußert sich dies vor allem in der Bedeutung von Umfragen. Spitzenpolitiker und deren Umfeld haben das Befolgen von Meinungstrends inzwischen fast schon zu einer Art Kult erhoben.

In den USA werden ganze Wahlkampfprogramme auf die Popularität der einzelnen Inhalte durchleuchtet. Kandidaten werden von einer Heerschar an Beratern umringt, die ganz genau Bescheid wissen, mit welchen Themen ihre „Schützlinge“ laut der neuesten Fokusgruppen ihrer „Zielgruppe“ am besten nach dem Mund reden können – und mit welchen nicht. Statt unentschiedene Wähler von der eigenen politischen Plattform zu überzeugen, wird lieber versucht, Stammwähler zum Gang an die Wahlurne zu drängen – das ist schließlich einfacher.

Auch in Deutschland beschwerte sich nicht zuletzt Martin Schulz darüber, dass er während seiner erfolglosen Kanzlerkandidatur viel zu oft dem Rat von Meinungsforschern folgte und dabei zum Teil entgegen seiner eigenen Natur agieren und auftreten musste – mit dem Verlust von Authentizität als Preis.

 

„Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“

Schon Henry Ford hatte jedoch die Grenzen des Nutzens von Demoskopie einzuschätzen gewusst.

Umfragen haben dabei durchaus ihren Wert, z.B. wenn es darum geht (ähnliche) Werbeslogans oder die Wirkung von zwei Plakatmotiven gegeneinander zu testen.

Gleichzeitig ersetzen sie eben nicht die Führungsverantwortung von Spitzenpolitikern und Managern. Innovationen in Politik wie Wirtschaft entstehen gerade nicht daraus, dass man einfach Kundenwünsche erfüllt, sondern dass man die wahren Bedürfnisse und Probleme der Zielgruppe besser einschätzt, als die Konkurrenz.

Es ist also eine intrinsische Führungsaufgabe von Spitzenpolitikern sich Gedanken über die für die Bevölkerung wichtigen Herausforderungen zu machen und dann qualitativ Lösungen anzubieten, von denen man selbst überzeugt ist, dass es die richtigen sind.

 

„Führen“ heißt „Überzeugen“

Wenn man diesen Ansatz verfolgt, kann man sich regelmäßig zunächst auf der „falschen“ Seite der öffentlichen Mehrheitsmeinung wiederfinden – und das ist auch gut so.

Wenn politische Führung lediglich darin bestünde, die aktuell vorherrschende Stimmungslage in politische Reformen umzusetzen, hätten wir alsbald eine „Diktatur der Mehrheitsmeinung“.

Stattdessen lebt eine Demokratie genau davon, dass um die besten Lösungen und die Deutungshoheit von Problemen gestritten wird. Politiker sind dabei Meinungsbildner und nicht bloße Meinungsbefolger im Autopilot-Modus. Der Anspruch muss es sein, Wähler von den eigenen Standpunkten, den eigenen Ideen qualitativ zu überzeugen, wenn man diese für die richtigen hält.

 

Adenauer & Demoskopen? Dann hätten wir heute kein vereintes Europa

Die heutige Politikergeneration sollte sich diesen Mut zur Überzeugung wieder stärker zum Vorbild nehmen und die zunehmende Fremdsteuerung durch Meinungsforscher stoppen.

Wenn Führung als kreative Gestaltung der Zukunft verstanden wird, entsteht daraus ein Wettbewerb der Ideen, der nicht nur unser Land, sondern auch unsere Demokratie belebt.

 

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